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Perspektiven
06.12.2015  Ulrike Auga

Für Sorge, Leben und Asyl

Der folgende Text ist das Abstract für den Einführungsvortrag des Kongresses der Überparteilichen Fraueninitiative Berlin Stadt der Frauen: Was ist Leistung? Er beinhaltet eine neue Sichtweise auf Themen und Probleme, die auch für die Frühe Bildung relevant sind. Wir warten gespannt auf die Veröffentlichung des Vortrages.
Wissenstheoretische Grundlagen zum Care-Diskurs unter postkolonialen  Bedingungen in der globalisierten Welt

Das menschliche Leben ist grundlegend auf ein Gegenüber und somit Sorge und Fürsorge bzw. Care verwiesen. Der Begriff besitzt jedoch im Deutschen wie Englischen eine Vielzahl von Bedeutungen, die von Betreuung, Versorgung zur Pflege reichen und von Widersprüchen gekennzeichnet ist. Dazu tragen einerseits die Ökonomisierung, Privatisierung und anderseits die staatliche Intervention bei. Der Wohlfahrtsstaat kann seinem Versprechen von Fürsorge und Sicherheit nicht mehr angemessen nachkommen.  Im globalen Kontext zeigt sich eine sich verschiebende transnationale Kette von Care-Arbeit.

Der öffentliche Diskurs in Deutschland konstatiert eine „Care-Krise“. Das galt noch bevor die vor Tod und Bedrohung flüchtenden Menschen in Deutschland, Europa und globalen Westen verstärkt Asyl suchten.
Der Vortrag geht von einem erweiterten Begriff von Für_Sorge aus, der über den Begriff der Reproduktion als bloße Wiederherstellung der Arbeitskraft hinausgeht. Mit Maria Puig (2011) de la Bellacasa unterstreicht ein solcher Begriff die Praxen und Konzepte der Für_Sorge, die auf die Herstellung und Erhaltung von Menschen, Leben und deren Umwelten abzielen.

Der Vortrag führt überblicksartig in Konzepte ein, die zu einer kritischen Perspektivierung der Fragen von Care beitragen können: insbesondere Ansätze der kritischen Geschlechterforschung sowie der postkolonialen und transnationalen Theorie.

Der Vortrag fragt zunächst wie Für_Sorge und Geschlecht historisch und gegenwärtig miteinander verflochten sind. Dabei wird untersucht wie symbolische Ordnungen, Binaritäten, Hierarchien, Ausschlüsse und damit Gewalt re-produzieren. Es wird auch darauf hingewiesen, in welcher Weise religiöse Vorstellungen zur Konstruktion bestimmter Geschlechterbilder beitragen. Das Konzept der Intersektionalität wird erklärt, das vereinfachend gesagt Kritik an Rassismus, Sexismus, Klassismus, Nationalismus, Fundamentalismus, und Körperliche Fähigkeit zusammendenkt.

Für ein besseres Verständnis des Care-Konzeptes wird dessen globaler politischer, ökonomischer und sozialer Kontext beleuchtet. Die Gleichung Nationalstaat plus Marktwirtschaft ergäbe Demokratie wird auf den Prüfstand gestellt. Statt seiner Fürsorgepflicht nachzukommen ist im kapitalistisch orientierten biopolitisch regulierten Nationalstaat der Mensch selber zur Ware geworden. Dieser wird, wenn er scheinbar nicht zur Reproduktion beiträgt, von umfassender Sorge ausgeschlossen (Joao Biehl 2005).

Der ökonomische, politische, soziale, und kulturelle Globalisierungsprozess basierend auf neuen Informationstechnologien mit seinen menschlichen, medialen und monetarischen Flüssen spitzt diese Situation in gewisser Weise zu, verschiebt jedoch auch einige Eckdaten.

Der Menschenrechtsdiskurs versucht einerseits die Probleme von geschlechterbasierter Gewalt, und von Gender und Care zu benennen. Jedoch ist die nationale Zugehörigkeit zentral zur Wahrnehmung von Rechten. Anderseits greift er aber zu kurz, weil die Menschenrechte selber eine universalistische Position des globalen Westens einnehmen, eine Geschlechterhierarchie besitzen und heteronormativ wirken. Besonders problematisch ist die Stellung zu LGBTIQ-Verfolgung (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual, Queer) und die Anerkennung sexualisierter Gewalt als Asylgrund. Daher ist es die Aufgabe, den Rechtsdiskurs weiter zu denken und darüber hinaus kritische Ansätze von Care zu erarbeiten. 

In einem eigenen Abschnitt soll sodann dem Konzept von Asyl nachgegangen werden. Asyl zu gewähren ist ein reiches uraltes historisches Erbe der menschlichen Verfasstheit. Allerdings erfuhr der Begriff des Asyls und des Asylrechts Veränderungen. Auch in den Religionen findet Asyl Beachtung, etwa in den biblischen Schriften. Zuletzt war die Frage des Kirchenasyls als Ort der Zuflucht im Deutschland umstritten. Statt die Kosten der Asylsuchenden zu beklagen, versucht der Vortrag den Reichtum der Erfahrungserweiterung der asylsuchenden Menschen für die Gesellschaft, das Umwerfen der Care-Krise durch Bevölkerungsverschiebungen und nicht zuletzt die Wiedergewinnung von Für_Sorge als ontologisch-erfahrungsbasiertes-praktisches Moment für eine Ethik einer offenen sorgenden Gesellschaft zu unterstreichen.

Auf diesem Wege werden weiterführende kritische Ansätze für das Verständnis von Care umrissen. Es werden die Konzepte des Guten Lebens und dessen postkoloniale Weiterführung des menschlichen Blühens (human flourishing) vorgestellt. In diesem Zusammenhang werden Konzepte von Repräsentation und Handlungsfähigkeit (agency) diskutiert.

Die Bedeutung der neuen, neuen sozialen Bewegungen für das Schaffen von nicht-identitärer Solidarität in diversifizierten Gesellschaften wird unterstrichen. Dabei wird auf globalisierungskritische ‚glokal‘ agierende Bewegungen, die sich gegen die Privatisierung zur Absicherung von Grundbedürfnissen richten verwiesen und die Praxis der „Care-Revolution“ (Gabriele Winker) erwähnt.

Schließlich wird ein Ausblick darauf gegeben mittels welcher Konzepte eine offene, sorgende Gesellschaft entworfen werden könnte. Es werden widersprüchliche Aspekte des Humanitarismus Projektes der Gegenwart dargestellt (Didier Fassin). Es wird das Ziel einer offenen tiefen Demokratie, die auf einer Überschneidung (overlap) der Interessen der Beteiligten basiert, gezeichnet, in der sowohl Staatsbürgerschaft für Care-Arbeitende, wie Repräsentation und Fürsorge für Staatsbürger_innen ohne Papiere möglich werden und sodann Zugehörigkeit transnational überdacht wird.

Im Zentrum des Ausblicks steht nicht „wie“ eine Gesellschaft aussehen soll, sondern der Vortrag hebt darauf ab, dass jede Person am Vorstellen, Entwerfen und Einsetzen einer sorgenden Gesellschaft beteiligt sein kann. Mittels der individuellen Einbildungskraft und solidarischer Praxen kann jedes Subjekt am  instituierenden sozialen Imaginären teilhaben, denn die Gesellschaft ist eine imaginäre Institution (Cornelius Castoriadis).
 
Auswahlbibliographie Ulrike Auga
Auga, Ulrike, “Resistance and the Radical Social Imaginary: A Genealogy from “Eastern European” Dissidence to New Social Movements: Connecting the Debates between Activism and Postcolonial, Post-secular and Queer Epistemology and Theology”, in: Ulrike Auga et al. (Eds.), New Perspectives in Resistance and Vision: The Challenge of Postcolonial, Postsecular and Queer Theory, Journal of the ESWTR, 22 (2014), 5-30.          
Auga, Ulrike, „Wi­der­stand für eine so­li­da­ri­schere Ge­sell­schaft“, in: Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus, 2/2015, 57-62.
Auga, Ulrike, “Erfindungen von Sünde und Geschlecht“, in: Aus Politik und Zeitgeschehen APuZ, Sünde und Laster,  64. Jahrgang, 52/2014, 22.12.2014, 13-20.
Auga, Ulrike, et al. (Eds.), Fundamentalism and Gender: Scripture - Body - Community, Eugene: Wipf and Stock Publishers, 2013.
Auga, Ulrike, „‚Mit dem Fluss durch die Wand‘ – Widerstand, Körper und Geschlecht im Zeitalter der Globalisierung“, in: Ulrike Auga (et al.) (Eds.), Dämonen, Vamps und Hysteriker. Geschlechter- und Rassenfigurationen in Wissen, Medien und Alltag. Festschrift für Christina von Braun, Reihe: GenderCodes. Transcriptionen zwischen Wissen und Geschlecht, Bielefeld: transcript Verlag, 2011. 197-213.
Auga, Ulrike, „Die Universität als Raum transdisziplinären Überlebenswissens im 21. Jahrhundert - ein gesellschaftlicher Mehrwert jenseits von Marktorientierung“, in: Bildungsgerechtigkeit in der Begabtenförderung. Ein Widerspruch in sich,? Berlin, Bonn: FES 2010, 91-97.
Auga, Ulrike, „Sexuelle Rechte und Menschenrechte. Probleme der interkulturellen Debatte“, in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge, Peter Lang: Bern, XVII - 2 (2008), 357-369.

Die Autorin:
Prof. Dr. Ulrike Auga
Theologie, Religionswissenschaft und Geschlechterstudien
Vizepräsidentin der International Association for the Study of Religion and Gender
Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien und Theologische Fakultät
Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6
10999 Berlin
 
z. Zt:
The Center of Theological Inquiry
50 Stockton Street
Princeton
NJ 08540, USA
 
Kontakt:
Phone: Deutschland: 0049-176-96679797 USA: 001-609-5801370
E-mail: ulrike.auga@hu-berlin.de
Web: www.ulrikeauga.com

 

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