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Perspektiven
29.03.2018  Susanne Klein

Mehr als Streit - Antisemitismus in der Schule

München – Eine Zweitklässlerin an einer Berliner Schule wird von Mitschülern angepöbelt, weil sie nicht an Allah glaubt. Ein Junge sagt ihr, dafür gehöre sie geschlagen und umgebracht, eine Mitschülerin spricht von Verbrennen. Die Erlebnisse liegen schon etwas zurück, da fragt ein Fünftklässler das Mädchen, ob es jüdisch sei. Es bejaht, da es einen Elternteil jüdischer Herkunft hat; der Junge sagt daraufhin in bedrohlichem Ton mehrmals das Wort „Jude“ zu ihr. So berichtet es der Vater des Mädchens, auch der Schulleitung sind die Vorfälle bekannt.
Dieser Fall von religiösem Mobbing, der in Antisemitismus mündet, geschehen an der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof und publik gemacht in der Berliner Zeitung, sorgt seit Beginn dieser Woche für Aufregung. „So verbreitet der Islamismus seinen Hass schon an deutschen Grundschulen“, heizte die Bild die Atmosphäre an – keine Rede davon, dass antisemitische Verbalattacken durchaus auch von Kindern aus christlichen Elternhäusern kommen können. Andere Stimmen erinnerten an frühere, ähnliche Vorfälle in Schulen in Friedenau und im Wedding und an die oft gehörten Klagen von Lehrern, dass „du Jude“ auf Schulhöfen heute ein gängiges Schimpfwort sei. Die Diskussion kreist vor allem um drei Fragen: Ist das, was in Tempelhof passiert ist, ein bedauerlicher Ausreißer – oder ist religiöses, gar antisemitisches Mobbing unter Schülern längst ein verbreitetes Phänomen? Wie können Schulen auf religiöse Ausgrenzung und Herabsetzung reagieren? Und: Was unternimmt die Gesellschaft dagegen schon?

Wie oft kommen religiöses Mobbing und Antisemitismus an Schulen vor?

Da Schulen keine Statistik dazu führen müssen, bleibt die Antwort vage. In einer Studie des American Jewish Committee Berlin berichten Lehrer von stark gestiegener Bedeutung der Religion im Schulalltag, gerade bei muslimischen Schülern, die den Koran über alles stellten. Antisemitische Vorfälle wie den in Tempelhof „gibt es praktisch jede Woche, das ist selbst an Kitas ein Thema“, sagt Marina Chernivsky, die das Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland leitet. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, bezeichnet Judenhass an Schulen als rapide wachsendes Problem. Die Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hat 2017 an Hauptstadtschulen 18 antisemitische Vorfälle gezählt, darunter auch Äußerungen von Lehrern. Die Stelle geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sieht Antisemitismus nicht als flächendeckendes Problem, beklagt aber eine Verrohung an Schulen in Problembezirken.

Was muss jetzt geschehen?

Eine naheliegende Idee formuliert Berlins Bildungsverwaltung: Schulaufsicht, Schulpsychologen und die Antidiskriminierungsbeauftragte sollen mit den Eltern und der Grundschule in Tempelhof ein klärendes Gespräch führen. Andere Ideen gehen weiter: Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert angesichts von religiösem Mobbing eine bundesweite Statistik zur Gewalt an Schulen. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), will Eltern stärker in die Pflicht nehmen, Cem Özdemir (Grüne) denkt an verpflichtende Elternabende. Der Zentralrat der Juden macht indes eine „Bringschuld seitens der muslimischen Verbände“ aus – woraufhin der Zentralrat der Muslime vorschlägt, Imame und Rabbiner in die Klassen zu schicken. Dort sollen sie „für Dialog, Aufklärung und gegenseitige Achtung werben“.
  Sigmount Königsberg, Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wirft Lehrern vor, zu viele Vorfälle als „Streitigkeiten“ zu bagatellisieren: Sie müssten hinter den Opfern stehen und Tätern „klarmachen, dass es Regeln gibt, die auch einzuhalten sind“. Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, verlangt mehr Sozialarbeiter an den Schulen und bessere Bildungsangebote für Lehrer, die in ihren Klassen Kinder aus vielen Kulturen sitzen haben.

Was geschieht bereits?

Themen wie Antisemitismus oder der Nahostkonflikt sind in mehreren Fächern und Klassenstufen im Lehrplan vorgesehen. Darüber hinaus machen freie Träger den Schulen Angebote: „Aktiv gegen Antisemitismus“, ein Projekt aus Berlin und Brandenburg, will Schüler für mehr gegenseitigen Respekt gewinnen, etwa indem es Jugendliche aus Migrantenfamilien zu „Youth-Leadern“ ausbildet, die sich mit Antisemitismus auskennen. „Schule ohne Rassismus“, ein Netzwerk von 2500 Schulen, versucht mit Projektwochen und Workshops das schulische Klima zu verbessern. Speziell mit muslimisch sozialisierten Jugendlichen arbeitet die „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ in der Migrationsgesellschaft. Drei von vielen Beispielen für Engagement. Die Teilnahme ist freiwillig, doch die Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres hat ihre Botschaft soeben klar formuliert: „Ich erwarte, dass diese Angebote auch genutzt werden.“

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).


 

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