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Perspektiven
20.06.2016  

Mehr Zeit in der KiTa und mehr Zeit mit den Eltern

Eltern von unter Sechsjährigen verbringen heute mehr aktive Zeit mit ihren Kindern als noch vor 15 Jahren, obwohl Kinder früher und in einem größeren zeitlichen Umfang frühkindliche Bildungsangebote nutzen. Dies ist eines der Forschungsergebnisse des Deutschen Jugendinstituts (DJI), das in den Nationalen Bildungsbericht 2016 eingeflossen ist. Das DJI ist insbesondere für den Bereich der frühkindlichen Bildung zuständig und kam dabei unter anderem zu den folgenden Ergebnissen.
Seit 2013 hat sich die Quote der Bildungsbeteiligung der unter Dreijährigen auf insgesamt rund 32,9 Prozent (in Westdeutschland auf 28 Prozent und in Ostdeutschland auf 52 Prozent) erhöht. Ab dem dritten Geburtstag besucht fast jedes Kind ein frühkindliches Bildungsangebot. Eltern von unter Sechsjährigen verbringen heute gegenüber 2001/2002 rund zehn Prozent mehr aktive Zeit mit ihren Kindern, obwohl sie ihre Kinder viel früher in eine Kita geben. Sie wenden heute im Durchschnitt täglich fast zweieinviertel Stunden beispielsweise für Spielen, Beaufsichtigen, Gespräche und Vorlesen auf. Dies geht zu Lasten der Zeit, die insbesondere berufstätige Mütter für ihr soziales Leben, die Hausarbeit und die körperliche Pflege und Regeneration zur Verfügung haben.
 

Weiterer Ausbau an Plätzen in der Kindertagesbetreuung notwendig

Zwischen 2013 und 2015 wurden weitere knapp 90.000 Plätze für unter Dreijährige in der Kindertagesbetreuung geschaffen. Trotzdem geben aktuell drei Prozent der Eltern ohne Betreuungsplatz an, keinen Platz bekommen zu haben, obgleich sie sich eine Betreuung für ihr Kind wünschen. Es ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Plätzen insgesamt weiter wächst. Gründe sind sowohl die gestiegene Anzahl an Kindern zwischen drei und fünf Jahren als auch der Zuzug von Kindern aus schutz- und asylsuchenden Familien.

Der Trend des zunehmenden Betreuungsumfangs in der Kindertagesbetreuung setzt sich fort, allerdings werden sie häufig nicht in vollem Umfang genutzt: Die vertraglich vereinbarten Betreuungszeiten haben sich für alle Altersgruppen weiter erhöht. Mittlerweile werden für fast jedes zweite Kind unter drei Jahren in Westdeutschland und 76 Prozent in Ostdeutschland ganztägig Betreuungszeiten vereinbart. Die Buchungszeiten stimmen allerdings nicht immer mit den Wünschen der Eltern überein, die sich zu einem geringeren Anteil ganztägige Betreuungsumfänge wünschen. Darüber hinaus werden die gebuchten Zeiten häufig auch nicht in vollem Umfang genutzt.
 

Bildungsbeteiligung weiterhin von sozialer Herkunft abhängig

Trotz Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr im August 2013 nutzen weiterhin weniger Kinder von Eltern mit niedrigem Schulabschluss und auch weniger Kinder mit Migrationshintergrund ein frühkindliches Bildungsangebot. Der Anteil der Kinder von Eltern mit einem Hauptschulabschluss ist zwischen 2012 und 2015 auf 16 Prozent gesunken. Demgegenüber ist die Bildungsbeteiligung bei Kindern von Eltern mit (Fach-) Hochschulabschluss mittlerweile auf 38 Prozent gestiegen. Weiterhin zeigen DJI-Analysen, dass bei Kindern mit Migrationshintergrund zwar ein Anstieg der Bildungsbeteiligung zu beobachten ist, allerdings nutzen sie diese Angebote weiterhin seltener als Kinder ohne Migrationshintergrund. Bei den Kindern unter drei Jahren mit Migrationshintergrund hat sich die Quote der Bildungsbeteiligung zwar verdoppelt, allerdings besucht aktuell nur fast jedes vierte unter dreijährige Kind mit Migrationshintergrund ein frühkindliches Bildungsangebot. Bei den unter Dreijährigen ohne Migrationshintergrund sind es 38 Prozent. Diese Unterschiede hängen vor allem mit dem Betreuungswunsch, der Erwerbstätigkeit und dem Bildungsstand ihrer Eltern zusammen. Im Alter von drei Jahren besuchen nahezu alle Kinder mit Migrationshintergrund ein frühkindliches Bildungsangebot. Von ihnen sprechen fast zwei Drittel zu Hause kaum oder wenig Deutsch, wobei regional starke Unterschiede bestehen. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass den Kindertageseinrichtungen eine hohe Bedeutung beim Erlernen der deutschen Sprache zukommt.
 

Keine Verbesserung des Personalschlüssels

Mit 515.000 Beschäftigten hat die Anzahl des pädagogischen Personals einen weiteren Höchststand erreicht. Insbesondere in den vergangenen zwei Jahren sind überdurchschnittlich viele Personen in das Beschäftigungsfeld eingemündet. Das hat zwischen 2014 und 2015 allerdings nicht zur weiteren Verbesserung des Personalschlüssels beigetragen, sodass in Westdeutschland rechnerisch eine Vollzeitkraft im Mittel auf 3,4 ganztägig betreute Kinder in Gruppen ausschließlich für unter Dreijährige zuständig ist. In Ostdeutschland ist dieses Verhältnis weiterhin deutlich ungünstiger mit einer Vollzeitfachkraft für 5,8 ganztägig betreute Kinder in einer entsprechenden Gruppe. Vor allem in Ländern, in denen zusätzliche finanzielle Mittel für die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund zur Verfügung gestellt wird, lässt sich ein verbesserter Personalschlüssel in Gruppen mit Kindern ab drei Jahren beobachten, je höher der Anteil an Kindern in der Gruppe ist, die zu Hause kein oder wenig Deutsch sprechen. In der Kindertagespflege ist seit Jahren eine Verschlechterung des Verhältnisses der Anzahl der betreuten Kinder pro Tagespflegepersonen zu beobachten. 2015 ist fast jede zweite Tagespflegeperson für mindestens vier Kinder zuständig.
 

Vollständige Leitungsfreistellung selten

Leitungskräfte sind in den Kindertageseinrichtungen unter anderem für die Sicherung und Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität verantwortlich. Allerdings melden 13 Prozent aller Tageseinrichtungen keine Beschäftigten, die für Leitungsaufgaben freigestellt sind. Mit knapp 50 Prozent überwiegt der Anteil an Einrichtungen, in denen eine pädagogische Fachkraft sowohl für Leitungsaufgaben freigestellt ist als auch andere Aufgaben übernimmt. Insbesondere in großen Einrichtungen mit mindestens fünf Gruppen überwiegt die vollständige Freistellung einer Fachkraft für Leitungsaufgaben.

Die Organisation von Gruppen erfolgt in den beiden Landesteilen sehr unterschiedlich. Während in Ostdeutschland die Gruppen in Kindertageseinrichtungen vergleichbar mit den für die Schule typischen Jahrgangsklassen zusammengesetzt sind, erfolgt die altersspezifische Zusammensetzung von Gruppen in Westdeutschland meist anhand der Alterszusammensetzung von Kindertageseinrichtungen. Dementsprechend werden unter Dreijährige vor allem in Gruppen betreut, die der Altersspanne von Krippen (2 Jahrgänge) oder von Kindergärten, die für Zweijährige geöffnet sind (4 Jahrgänge) entsprechen. Die Altersspanne von Gruppen mit ausschließlich Kindern ab drei Jahren umfasst meist drei Jahrgänge und entspricht damit der Altersspanne eines klassischen Kindergartens.
 

Weiterhin etwa ein Viertel der Fünfjährigen mit Sprachförderbedarf

Auch wenn es seit Jahren zahlreiche Initiativen im Bereich der sprachlichen Bildung gibt, ist der Anteil an sprachförderbedürftigen Kindern seit einigen Jahren in etwa konstant geblieben. Insbesondere Kinder aus Elternhäusern mit niedrigem Schulabschluss sowie mit nicht deutscher Familiensprache werden häufiger als sprachförderbedürftig diagnostiziert. Zudem werden diese Kinder anschließend auch häufiger verspätet eingeschult.
 

Ausblick

Mit dem Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr und dem damit verbundenen Ausbau der frühkindlichen Bildungsangebote wurde Familien verstärkt die Möglichkeit gegeben, frühkindliche Bildungsangebote für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen und damit zugleich Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Eine wachsende Zahl an Kindern verbringt in diesen Einrichtungen eine immer längere Zeit bis zur Einschulung, wodurch der Stellenwert der Kindertagesbetreuung weiter gestiegen ist. Damit haben sich gleichzeitig die Anforderungen an die Kindertagesbetreuung erhöht, da der gestiegenen Heterogenität der Kinder Rechnung zu tragen ist. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bedarf es auch zukünftig einer ausreichenden Anzahl an qualifizierten Fachkräften sowie der Sicherung und Weiterentwicklung von Qualitätsstandards im Bereich der frühkindlichen Bildung.

Der Bildungsbericht wird alle zwei Jahre im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter Leitung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI), dem Soziologischen Forschungsinstitut der Universität Göttingen (SOFI), dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) sowie den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder erstellt. Das DJI ist seit Beginn an der Erstellung des Berichts beteiligt und insbesondere für den Bereich der frühkindlichen Bildung zuständig. Das Schwerpunktkapitel des Bildungsberichts 2016 befasst sich mit Fragen der Bildung von Menschen mit Migrationshintergrund sowie von Schutz- und Asylsuchenden.

Quelle: Presseinfo DJI

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